Grußbotschaft von Familienbotschaft Hermann Glettler zum Jahr der Familie

Worte des Familienbischofs Hermann Glettler zur Eröffnung des Jahres der Familie Amoris Laetitia auf der Grundlage der Presseerklärung der Österreichischen Bischöfe nach ihrer Frühjahrs-Vollversammlung, veröffentlicht am 12. März 2021.

Weitere Impulse aus der Weltkirche und von österreichischen Verantwortungsträgern im Einsatz für die Familien folgen in den kommenden Wochen

„Jahr der Familie“ – eine Chance für alle[1]

Familien waren nicht im Lockdown. Im Gegenteil, sie mussten funktionieren, weil sie als kleinste, pulsierende Zellen unserer Gesellschaft systemrelevant sind. Im anstrengenden Jahr der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, was Familien – dabei vor allem die Frauen – zu leisten imstande waren: Sie waren Schutzraum und Umschlagplatz für alles, was Jung und Alt als Ohnmacht und Überforderung erlebten. Sie boten Zusammenhalt, Erholung und waren zugleich überfrachtet mit Arbeit – Homeoffice, Kinderbetreuung, Homeschooling, Sorge um zu betreuende Angehörige und vielem mehr. Gerade Alleinerziehende waren enorm gefordert und mussten vieles alleine bewältigen, weil Corona-bedingt zahlreiche Unterstützungssysteme wegfielen. In diese immer noch nicht entspannte Lage hinein kommt ein weltkirchlicher Impuls, von dem wir auch in Österreich gut profitieren können:

„Jahr der Familie“ als Einladung

Papst Franziskus hat anlässlich des fünfjährigen Jubiläums des Apostolischen Schreibens „Amoris laetitia“, über die „Freude der Liebe“, ein „Jahr der Familie“ ausgerufen. Es beginnt mit dem 19. März 2021 und endet mit dem Weltfamilientreffen vom 22. bis 26. Juni 2022 in Rom. Wir laden herzlich dazu ein, in diesem Jahr die Schatztruhe von „Amoris laetitia“ nochmals oder erstmals zu öffnen – und über die vielen Impulse und wegweisenden Erfahrungen zu staunen, die dieses grundlegende Schreiben enthält. Kommen wir über die vielfältigen Familien-, Beziehungs- und damit Lebens-Themen miteinander ins Gespräch – wir alle sind Lernende. Die Einladung zum „Jahr der Familie“ geht weit über den kirchlichen Kreis hinaus. Wagen wir das Gespräch mit unseren Nachbarn und Arbeitskollegen, Bekannten und Freunden. Familie sind wir alle. Inmitten einer pulsierenden und nervösen Gesellschaft braucht es die Erfahrung familiärer Nähe, viele Zeichen von Zuwendung und vor allem ein ehrliches Interesse aneinander.

Jahr der Dankbarkeit

Zusammen mit allen Bischöfen Österreichs danke ich als zuständiger Referatsbischof für Familienpastoral allen Familien und familiären Gemeinschaften, die eine Mammutaufgabe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Ebenso danken wir jenen, die in den verschiedensten sozialen und (familien-)therapeutischen Einrichtungen zur Unterstützung von Familien in Krisensituationen arbeiten. Ein Beispiel: Der staatliche Familienhärtefonds für Familien, die aufgrund der Corona-Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, war ein richtiges Signal. Die Wertschätzung von „Familienarbeit“ sollte durch viele weitere Initiativen ergänzt werden – zur Ermutigung und Bestärkung für all jene, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit durch Fürsorgedienste und Care-Arbeit gekommen sind. Es braucht eine ständige Verbesserung der wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen für die Familien unseres Landes in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen und Kontexten. Aber nochmals: Das „Jahr der Familie“ soll ein Jahr der dankbaren Wahrnehmung sein für alles, was Familien leisten. Auch im persönlichen Umfeld sind ermutigende Zeichen der Wertschätzung möglich: nachfragen, hinhören, besuchen, einen kleinen Dienst anbieten, Familien mit ihren Sorgen nicht allein lassen.

Was leisten Familien?

Familien mit kleinen Kindern sind die unersetzlichen Start-Ups in Gesellschaft und Kirche. So vielfältig sie auch sein mögen, sie sind primäre Sozialisationsinstanzen: Die Familie ist für Kinder ein Lernort für eine erste soziale Orientierung, für Rücksicht und Solidarität. In ihr wird die Basis für Selbstbewusstsein und Urvertrauen gelegt, es werden Beziehungsfähigkeit und Wertehaltungen erlernt. Familie ist ein Übungsfeld für Zusammenhalt, Verlässlichkeit, Streitkultur und Toleranz. Familien sind ebenso die ersten und prägenden Orte des Glaubens. Wir Bischöfe sagen dies, auch wenn wir uns bewusst sind, dass uns allen vieles weggebrochen ist, was noch vor ein, zwei Generationen ganz selbstverständlich zum Basiswissen und zur Grundpraxis des Glaubens gehört hat. Insofern kann dieses Jahr auch ein Jahr des Neu-Entdeckens werden. Eine Schule des Glaubens. Jesus selbst ist in einer Familie aufgewachsen, es war der wesentliche Ort seiner „Menschwerdung“. Aus diesem Grund hat alles, was mit Familie zusammenhängt, auch mit Gott zu tun – alle Freuden und Leiden.

Vision und Herausforderungen

Familie – ob in der „klassischen Form“, in den vielen Patchwork-Konstellationen oder anderen Ausprägungen – ist und bleibt ein Ort der Sehnsucht. Junge Leute bezeichnen nach wie vor eine stabile, dauerhafte Beziehung und die Gründung einer Familie als ganz hohen persönlichen Wert. Das gilt auch für Singles, die sich durch christliche Traditionen wie z.B. als Tauf- und Firmpaten, Trauzeugen u.a. gerne in freundschaftliche Familienbeziehungen hineinnehmen lassen. Familie ist dort erlebbar, wo der Einzelne um seiner selbst willen zählt und wichtig ist – und sich nicht erst mit seinen Fähigkeiten und Leistungen beweisen muss. Familien sind gerade deshalb Orte des Nicht-Perfekten, des Ausprobierens, Orte des Gelingens und der vielen Niederlagen. In Familien passieren leider auch Kränkungen und Verletzungen mit vielen belastenden Nachwirkungen.

Häusliche Gewalt, unter der vor allem Frauen und Kinder leiden, ist gerade in der Krisenzeit wieder stärker Thema geworden. Es gibt keine nur „heile Familie“. Das Scheitern und zum Glück auch das Neubeginnen gehören zum Normalprogramm familiären Lebens. Dennoch bleiben nicht selten Scherben und Wunden zurück. In diesem Jahr wird es auf der Basis von „Amoris laetitia“ viele Impulse geben, die zu Schritten der Versöhnung, zum Aufbruch und Neubeginn ermutigen – das gilt besonders auch für Familien, die durch Scheidung zerrissen wurden oder mit anderen Belastungen zu kämpfen haben. Konkrete Solidarität, eine familienfreundliche Pastoral und nicht zuletzt ein ehrliches, herzhaftes Beten können den Boden für viele kleine Wunder positiver Veränderungen bereiten.

Was geschieht konkret?

Das Jubiläumsjahr „Amoris laetitia“ soll zu einer neuen Wertschätzung von Familien in unserer Gesellschaft beitragen. Wir brauchen für die Anliegen der Familien ein gezieltes Lobbying! In den diözesanen Familienstellen, Pfarren, geistlichen Gemeinschaften, Bewegungen und kirchlichen Einrichtungen wird es ein vielfältiges Angebot für und mit Familien in diesem Jahr geben. Ich möchte schon im Voraus meine Dankbarkeit für all diese Initiativen ausdrücken und einladen, all dies mit herzhaftem Gebet zu unterstützen. Darüber hinaus wurde eine eigene Homepage www.jahrderfamilie.at als Vernetzungsplattform eingerichtet, um allen Familien und Familieninitiativen Impulse und Inspiration für ihre Arbeit zu geben. Sie alle stellen sich sowohl den phantastischen Seiten familiärer Wirklichkeit als auch den Krisen und Herausforderungen. Ehepaare, Eltern und Großeltern, Kinder und junge Erwachsene sollen selbst noch stärker als Träger der Familienpastoral in die Strukturen der Diözese und der Pfarren eingebunden werden.

In Vorfreude auf ein schönes, herausforderndes und uns gegenseitig stärkendes „Jahr der Familie“, in dem viel Buntes Platz haben wird – inspiriert und geleitet von Gottes Geist

Bischof Hermann Glettler,
Referatsbischof für Ehe und Familie in der Österreichischen Bischofskonferenz

[1] Grundlage dieses Textes zum Start vom „Jahr der Familie“ ist die Presse-Erklärung der Österreichischen Bischöfe nach ihrer Frühjahrs-Vollversammlung, veröffentlicht am 12. März 2021.